Der Wert der Traditionen wird in
einem immer größeren Europa und in einer rasant wachsenden Verflachung
der Unterhaltungsangebote nicht zuletzt auch im Bereich des Volkstanzes in
zunehmendem Maße geschätzt. Eine bewusste Brauchtums- und
Volkstanzpflege ist für die Zeit des Neuanfangs nach 1945 wohl dem
Trachtenverein "Die Paartaler" zuzuschreiben. Bis Anfang der
60er Jahre war dieser Verein sehr rege und aktiv tätig. Wegen mangelndem
Interesse um diese Sache und damit verbundenen Nachwuchsschwierigkeiten
hat sich der Verein in der Folgezeit aufgelöst. Gerade in der Zeit nach
1945 waren jedoch die Heimatvertriebenenorganisationen im Bestreben ihr
Brauchtum zu konservieren und damit den Verlust der Heimat zu
überbrücken äußerst rührig. In vielen gemeinsamen Veranstaltungen und
auch Großveranstaltungen sind die Eghalanda Gmoi z'Schrobenhausen, der
Deutsche Böhmerwaldbund Schrobenhausen und die Sudetendeutsche
Landsmannschaft an die Öffentlichkeit getreten. Aber auch diese
Organisationen konnten ihre Bemühungen, ihr Brauchtum der breiten
Öffentlichkeit darzubringen und entsprechend zu verbreiten nicht über
die Zeit retten. Sie sind wohl auch aus Mangel an Nachwuchs derzeit mehr
im kleinen Kreise tätig.
Erst 1976 trat die Kolpingfamilie
Schrobenhausen e.V. mit einem 1. bayerischen Volkstanz in der damaligen
zur Stadthalle kurzfristig umfunktionierten Turnhalle für eine bayerische
Volkstanzpflege ein. Die Aichacher Bauernmusi spielte damals zum Tanz auf
und ein Tanzmeister aus Landsberg musste die Tanzleitung übernehmen.
1977 wurde diese Veranstaltung
wiederholt.
Beflügelt durch diese beiden von
Erfolg gekrönten Veranstaltungen und durch die Zunahme der allgemeinen
Beliebtheit der Volkstänze trafen sich im Februar 1980 erstmals einige
Paare zu einem Volkstanzübungsabend. Damals im Kolpinghaus in
Schrobenhausen. Das war die Geburtsstunde einer kontinuierlichen
Volkstanzpflege in Schrobenhausen.
Der Volkstanzkreis Schrobenhausen
war gegründet.
Die Leitung dieses
Volkstanzkreises, der sich unter dem Dach des Verkehrsvereins
Schrobenhausener Land etabliert hat, haben schon seit dieser Zeit
Kreisheimatpfleger Hans Hammer und seine Frau Gertraud.
Der Volkstanzkreis hat sich die
Pflege der Chiemgauer Tänze, insbesondere auch der Tänze aus dem Paartal
und der Sudetendeutschen Tänze zur Aufgabe gestellt. Einige Jahre später
kam noch die Wiederbelebung der "Schrobenhausener Francaise"
dazu. Hier wird Volkstanz im wahrsten Sinne des Wortes, also "Tanz
des Volkes" gepflegt.
Es werden also überlieferte
Tänze aus dem Volk ohne "zur-Schau-Stellung" vor Publikum
gepflegt, wobei nach Möglichkeit alle mittanzen.
Es treffen sich alle
Altersgruppen aus allen sozialen Schichten zum gemeinsamen Tanz von
Walzer, Polka, Zwiefachen und zu einer Anzahl sehr einfacher Tanzformen.
Volkstanz ist dabei der Ausdruck
überlieferter Kultur und ungezwungener Lebensfreude!
Nur manchmal und zu ganz
besonderen Anlässen muss auch der Volkstanzkreis über seinen Schatten
springen und von diesen Vorsätzen abweichen. Dann treten einige Tanzpaare
aus dem "harten Kern" in der erneuerten
Paartaler/Schrobenhausener Tracht als Gruppe auf und präsentieren zur
Dokumentation der gelebten Brauchtumspflege die überlieferten
Volkstänze.
Die Vertreibung der
Sudetendeutschen hat der Volkstanzbegeisterung dieser Volksgruppe keinen
Abbruch getan; denn schon bald wurden die sudetendeutschen Volkstänze in
der neuen Heimat wieder heimisch.
1946 waren in der amerikanischen
Besatzungszone 2.785.000 "Flüchtlinge" angesiedelt. In der
Stadt Schrobenhausen, die damals 5.800 Einwohner hatte, ist die
Einwohnerzahl durch 2.550 Evakuierte und Flüchtlinge auf 8.350 gestiegen.
Die meisten dieser Vertriebenen waren Sudetendeutsche. Ein Grund mehr,
diese Tradition in Schrobenhausen fortzuführen.
Von den
Heimatvertriebenenverbänden und vom Bayerischen Landesverein für
Heimatpflege wird großer Wert darauf gelegt, dass diese Volkstänze nicht
nur als "Vorführtänze" für sudetendeutsche Gruppen
weiterleben, sondern auch dort, wo sie eigentlich hingehören, nämlich
auf den Tanzboden.
Der Volkstanzkreis des
Verkehrsvereins Schrobenhausener Land ist schon immer bemüht, auch dieses
Tanzgut der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und nicht nur
Vortanzgruppen vorzubehalten.
Und so werden bei den
Übungsabenden des Volkstanzkreises Schrobenhausen auch immer
sudetendeutsche Tänze in das Programm mit eingestreut.
Aber auch das überlieferte
regionale Tanzgut muss erhalten und gepflegt werden. Die für das Paartal
typischen Tanzformen sind aufgezeichnet und dokumentiert. Auch sie kommen
bei den offenen Volkstanztreffs nicht zu kurz.
Die Francaise Rekonstruierte
Tanzform aus Schrobenhausen
Die Francaise, oder der "Frassä"
zählt eindeutig zur Gattung der Kontretänze und zwar als Reihentanz. Die
nach Deutschland importierten französischen Tänze entfachten eine
allgemeine Tanzwut. Selbst in Kleinstädten lehrten in Frankreich
ausgebildete Tanzmeister die unterschiedlichsten Quadrillen. Die damalige
Tanzbegeisterung löste eine Flut von Kompositionen aus, für die aber der
Name "Quadrille" beibehalten wurde. In alten Notenaufzeichnungen
von Blaskapellen finden sich immer mehrere Quadrillemelodien, da an einem
Abend immer mehrmals Francaise getanzt wurde.
Durch Vereinfachung in einer
langen Entwicklung entstand letztendlich die heutige Münchner Francaise.
Kennzeichen dieser vereinfachten Form sind der Wegfall der Begrüßung
schräg rechts und das Überhandnehmen des Drehers und weiter der Ersatz
der Englischen Kette durch die einfache Promenade. Georg von Kaufmann
lernte diese sehr vereinfachte Münchner Francaise als Student kennen und
verbreitete sie später zusammen mit seinen Chiemgauer Tänzen in ganz
Oberbayern. Von hier aus dringt sie in ganz Bayern vor.
Seit 1985 erschließt die
Heimatpflege ein neues Forschungsgebiet: die Suche nach regionalen Formen
der Francaise, die vielerorts bis in die 50-ger Jahre getanzt wurden. Alte
Kommandozettel tauchten auf und erlauben eine Rekonstruktion regionaler
Typen durch den Vergleich mit gedruckten Fassungen und den historischen
Formen. Durch den Bayer. Landesverein für Heimatpflege konnte bereits
für viele bayerische Städte und Orte typische Francaiseformen
rekonstruiert werden.
So auch in Schrobenhausen.
Die Erinnerungen daran, dass bis
in die 50-ger Jahre in Schrobenhausen bei keinem der festlichen Bälle die
Francaise als allgemeiner Höhepunkt, meist unter der Leitung und nach
Ansage des legendären Albert Süßmaier, oder des "Siasse", wie
er auch genannt wurde, gefehlt hat, waren auch zur Zeit der Gründung des
Volkstanzkreises Schrobenhausen im Februar 1980 noch wach. Diese alte
Tradition wurde erstmals beim Kathreinstanz 1982 wieder aufgegriffen und
seit langer Zeit in Schrobenhausen wieder Francaise getanzt, allerdings
die Münchner Francaise. Dass die Francaise in Schrobenhausen eine weit
zurückgreifende Tradition hat, ergibt sich aus Unterlagen im Stadtarchiv
Schrobenhausen. Nach einer Einladung zum Schützenball am 19.01.1889 im
Gasthaus zur Post wurde die Francaise neben Walzer, Polka und Mazurka
dreimal getanzt. Nach einem Aufdruck auf einem mit Stickerei verziertem
Taschentuch als Ballspende wurde die Francaise bei einem "Erntetanz
beim Oberniederhupfernazibauern" des Musikvereins Schrobenhausen am
09.02.1902 ebenfalls neben Walzer, Schottisch und Mazurka viermal getanzt.
Und so geht es weiter zu einer Fastnachtsunterhaltung des Musikvereins
Schrobenhausen 1907 mit chinesisch geprägtem Begleitprogramm. Hier wurde
die Francaise ebenfalls dreimal neben den bereits genannten anderen
Tänzen getanzt.
In dem auf glückliche Art und
Weise wieder nach Schrobenhausen zurückgekehrten Notennachlass des
Schrobenhausener Musikmeister Franz Xaver Wild (1873 -1928) finden sich
alleine 12 verschiedene Quadrillen um möglichst viel Abwechslung an einem
Tanzabend bieten zu können.
Im Zuge der Rekonstruktion der
ursprünglich getanzten Formen der Francaise wurde Kreisheimatpfleger Hans
Hammer auch in Schrobenhausen fündig. Auf der Suche nach Gewährsleuten
und Unterlagen wurden ihm von Altbürgermeister Michael Flammensböck und
Schreinermeister Alfons Assenbrunner die von ihnen zur Gedächtnisstütze
angefertigten Kommandozettel, aus der Zeit in der sie selbst die Francaise
in Schrobenhausen getanzt haben, übergeben. Anhand dieser Kommandozettel
konnte in Zusammenarbeit mit Dr. Erich und Ingrid Sepp vom Bayer.
Landesverein für Heimatpflege die verbürgte Sonderform der
"Schrobenhausener Francaise" rekonstruiert werden. Dabei hat
sich herausgestellt, dass bei der "Schrobenhausener Francaise"
Tanzteile enthalten sind, wie man sie nur noch in wenigen anderen Orten
und somit Sonderformen findet. Die Tanzbeschreibung zu den fünf Touren
mit Angaben zu den Kommandos und der Ausführung wurde von
Kreisheimatpfleger Hans Hammer erarbeitet. Bei einem Wochenseminar des
Bayer. Landesvereins für Heimatpflege für Volksmusik und Volkstanz an
Pfingsten 2000 in Pfünz im Altmühltal wurde mit allen Teilnehmern diese
Tanzform auf ihre Tanzfähigkeit, ihren homogenen Ablauf und die
Gefälligkeit geprüft. Das Echo war äußerst positiv, da bei dieser
"Schrobenhausener Francaise" die ursprünglichen,
anspruchsvolleren Figurenteile noch enthalten sind. Die vielen und immer
gleichen Dreherabschnitte der Münchener Francaise entfallen also hier.
Vom Volkstanzkreis Schrobenhausen
wird die verbürgte und überlieferte "Schrobenhausener
Francaise" auch in Zukunft wieder mit Leben erfüllt.
Für die 25 Jahre des Bestehens
lässt sich eine stolze Bilanz aufzeigen:
260 Übungsabende/Offenen
Volkstanztreffs wurden abgehalten. Zuerst im Kolpinghaus Schrobenhausen,
dann im Gasthaus Natzer, im Sportheim Mühlried, wieder im erweiterten
Kolpinghaus Schrobenhausen und nun zuletzt seit 1998 im Pfarrsaal St.
Jakob in Schrobenhausen. Jeweils am letzten Montag im Monat trifft sich
hier der Volkstanzkreis zu seinen für jedermann offenen Volkstanztreffs
von 20.00 bis 22.30 Uhr. Besucht werden diese Volkstanztreffs
durchschnittlich von 45 bis 60 Personen.
In der tanzfreien Zeit jeweils im
Dezember veranstaltet der Volkstanzkreis einen Weihnachtshoagart'n
gestaltet mit der "Schrobenhausener Hoagart'n-Musi" unter der
Leitung vom Ehepaar Hammer unter Mitwirkung weiter Sing- und Musikgruppen.
Wichtig dabei ist aber auch das gemeinsame Singen aller Besucher von
überlieferten Weihnachtsliedern.
Höhepunkt eines jeden Jahres ist
aber der große öffentliche Erntedanktanz in der Stadthalle am
Bürgermeister-Stocker-Ring in Schrobenhausen. Bis 1989 fanden an seiner
Stelle jeweils ein Maitanz und ein Kathreinstanz statt. Seit 1990 treffen
sich am 2. Samstag im Oktober jeweils rund 220 Besucher aus dem ganzen
weiten Umkreis von Schrobenhausen zu einem festlichen Volkstanzabend, an
dem auch die Schrobenhausener Francaise nicht fehlen darf.
Zum Tanz aufgespielt haben in
Schrobenhausen bisher die Schrobenhausener Tanzlmusi, Leitung Rainer Maier
Aichacher Bauernmusi, Leitung Ludwig Mittelhammer Drei-Quartl-Musi/Ingolstadt,
Leitung Franz Krammer Affinger Tanzlmusi Zandter Blasmusik, Leitung Helmut
Karg +/Franz Zäch Ampertaler Kirtamusik, Leitung Hans Laschinger
Petershausener Blaskapelle, Leitung Eckhard Czerny Franzosen Musi/Ingolstadt,
Leitung Sepp Mayerhofer Sechs von der Schanz, Leitung Gebr. Well Schreiner
Geiger/München, Leitung Matthias Schreiner/Walter Säckl Höhenkirchener
Musikanten, Leitung Dr. Erich Sepp.
Schrobenhausen ist somit im
weiten Umkreis als Volkstanzhochburg bekannt.
Auf der Suche nach Möglichkeiten
das überlieferte und gepflegte Tanzgut immer mehr Menschen näher zu
bringen und einem breiten Forum zu öffnen beschreiten die Leiter des
Volkstanzkreises auch neue Wege. Insgesamt wurden bisher 22
Volkshochschulkurse mit durchschnittlich 5 Abenden in den verschiedensten
Orten um Schrobenhausen, aber auch in Schrobenhausen abgehalten. Rund 430
Interessierte haben bisher hierbei teilgenommen
Auch zur Völkerverständigung
hat der Volkstanzkreis seinen Betrag geleistet. Wir waren in den
Partnerstädten von Schrobenhausen zu Gast 5 mal in Perg/Mühlviertel in
Österreich 4 mal in Brigdnorth in England 5 mal in Thiers in Frankreich
und halten hier lebhaften Kontakt zur der Volkstanzgruppe aus Perg, den
Morris Dancers aus Brigdnorth, den Lou Gorneiros aus Thiers und den Boulei
Dansaira aus Thiers. Außerdem haben wir Verbindung zur Tanzgruppe aus
Lisen/Brünn in Tschechien und zur Tanzgruppe aus Weilersteußlingen
/Schwäbische Alb.
Weiter war der Volkstanzkreis
aktiv bei
Begleitung der
Partnerschaftsaktivitäten in Schrobenhausen Begleitung der Schrannenfeste
in Schrobenhausen Gestaltung von Altennachmittagen in div. Seniorenheimen
Auftritt beim Evangelischen Kirchentag in München, Juni 1993 Aufenthalt
in Amerika zur Steubenparade, September 1993 Auftritt bei der
Senioren-Gewichtheberweltmeisterschaft in Schrobenhausen, 1994 Auftritt
beim Obst- und Gartenbauverein Edelshausen, 1998 Präsentation Volkstanz
beim Kath. Frauenbund Schrobenhausen, Mai 2000 Teilnahme beim
Sudetendeutschen Tag 2000 in Nürnberg Auftritt beim Pfarrfamilienabend in
Weilach, November 2001 Auftritt beim 25-jährigen Jubiläum des
Verkehrsvereins, November 2002 Auftritt beim Schwäbisch-Albverein
Weilersteußlingen, 2003 und 2005.
Erstmals ab 2004 wurde eine
"Schrobenhausener Redoute" als Tanz in den Mai jeweils am
Freitag vor dem 1. Mai in Zusammenarbeit mit dem Volksmusikarchiv des
Bezirks Oberbayern neu begründet. Es spielen dabei abwechselnd jeweils
eine Geigenmusik und eine Blasmusik hauptsächlich Walzer, Polka, Mazurka,
Boarische, Zwiefache und natürlich die Münchner Francaise und die
Schrobenhausener Francaise.
Die Leiter des Volkstanzkreises
haben außerdem Lehrgänge "Volkstanz in der Grundschule" für
Grundschullehrkräfte im Rahmen der lokalen Lehrerausbildung
Volkstanzkurse für Kinder im Grundschulalter mit Integration von
Heimkindern Volkstanzkurse in einer Behinderteneinrichtung durchgeführt.
Hans Hammer ist seit August 1997
Kreisheimatpfleger im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen für die Bereiche
Museen und Sammlungen, Volksmusik, Volkstanz, Mundart, Tracht und
Laienspiel.
Februar 2006
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